Petite histoire qu'on a lue en cours, et que je trouve vraiment très jolie, et très triste en même temps.
Bonne lecture !
Peter Bichsel
Der Erfinder
Erfinder ist ein Beruf, den man nicht lernen kann; deshalb ist er selten; heute gibt
es ihn überhaupt nicht mehr. Heute werden die Dinge nicht mehr von Erfindern
erfunden, sondern von Ingenieuren und Technikern, von Mechanikern, von
Schreinern auch, von Architekten und von Maurern; aber die meisten erfinden
nichts.
Früher aber gab es noch Erfinder. Einer von ihnen hieß Edison. Er erfand die
Glühbirne und das Grammophon, das damals Phonograph hieß, er erfand das
Mikrophon und baute das erste Elektrizitätswerk der Welt, er baute einen
Filmaufnahmeapparat und einen Apparat, mit dem man die Filme abspielen
konnte.
1931 starb er.
Ohne ihn wären wir ohne Glühbirnen.
So wichtig sind Erfinder.
Der letzte starb im Jahre 1931.
1890 wurde zwar noch einer geboren, und der lebt noch. Niemand kennt ihn, weil
er jetzt in einer Zeit lebt, in der es keine Erfinder mehr gibt. Seit dem Jahre 1931
ist er allein. Das weiß er nicht, weil er schon damals nicht mehr hier in der Stadt
wohnte und nie unter die Leute ging; denn Erfinder brauchen Ruhe.
Er wohnte weit weg von der Stadt, verließ sein Haus nie und hatte selten Besuch.
Er berechnete und zeichnete den ganzen Tag. Er saß stundenlang da, legte seine
Stirn in Falten, fuhr sich mit der Hand immer wieder übers Gesicht und dachte
nach.
Dann nahm er seine Berechnungen, zerriss sie und warf sie weg und begann
wieder von neuem, und abends war er mürrisch und schlecht gelaunt, weil die
Sache wieder nicht gelang.
Er fand niemanden, der seine Zeichnungen begriff, und es hatte für ihn keinen
Sinn, mit den Leuten zu sprechen. Seit über vierzig Jahren saß er hinter seiner
Arbeit, und wenn ihn einmal jemand besuchte, versteckte er seine Pläne, weil er
fürchtete, man könnte von ihm abschreiben, und weil er fürchtete, man könnte
ihn auslachen.
Er ging früh zu Bett, stand früh auf und arbeitete den ganzen Tag. Er bekam keine
Post, las keine Zeitungen und wusste nichts davon, dass es Radios gibt.
Und nach all den Jahren kam der Abend, an dem er nicht schlecht gelaunt war,
denn er hatte seine Erfindung erfunden, und er legte sich jetzt überhaupt nicht
mehr schlafen. Tag und Nacht saß er über seinen Plänen und prüfte sie nach, und
sie stimmten.
Dann rollte er sie zusammen und ging nach Jahren zum ersten Mal in die Stadt.
Sie hatte sich völlig verändert. Wo es früher Pferde gab, da gab es jetzt
Automobile, und im Warenhaus gab es eine Rolltreppe, und die Eisenbahnen
fuhren nicht mehr mit Dampf. Die Straßenbahnen fuhren unter dem Boden und
hießen jetzt Untergrundbahnen, und aus kleinen Kästchen, die man mit sich
tragen konnte, kam Musik. Der Erfinder staunte. Aber weil er ein Erfinder war,
begriff er alles sehr schnell. Er sah einen Kühlschrank und sagte: »Aha.«
Er sah ein Telefon und sagte: »Aha.« Und als er rote und grüne Lichter sah,
begriff er, dass man bei Rot warten muss und bei Grün gehen darf.
Und er wartete bei Rot und ging bei Grün.
Und er begriff alles, aber er staunte, und fast hätte er dabei seine eigene Erfindung
vergessen.
Als sie ihm wieder einfiel, ging er auf einen Mann zu, der eben bei Rot wartete
und sagte: »Entschuldigen Sie, mein Herr, ich habe eine Erfindung gemacht.« Und
der Herr war freundlich und sagte: »Und jetzt, was wollen Sie?« Und der Erfinder
wusste es nicht. »Es ist nämlich eine wichtige Erfindung«, sagte der Erfinder, aber
da schaltete die Ampel auf Grün, und sie mussten gehen.
Wenn man aber lange nicht mehr in der Stadt war, dann kennt man sich nicht
mehr aus, und wenn man eine Erfindung gemacht hat, weiß man nicht, wohin
man mit ihr soll.
Was hätten die Leute sagen sollen, zu denen der Erfinder sagte: »Ich habe eine
Erfindung gemacht.«
Die meisten sagten nichts, einige lachten den Erfinder aus, und einige gingen
weiter, als hätten sie nichts gehört.
Weil der Erfinder lange nicht mehr mit Leuten gesprochen hatte, wusste er auch
nicht mehr, wie man ein Gespräch beginnt. Er wusste nicht, dass man als erstes
sagt: »Bitte, können Sie mir sagen, wie spät es ist?« oder dass man sagt:
»Schlechtes Wetter heute.«
Er dachte gar nicht daran, dass es unmöglich ist, einfach zu sagen: »Sie, ich habe
eine Erfindung gemacht«, und als in der Straßenbahn jemand zu ihm sagte: »Ein
sonniger Tag heute«, da sagte er nicht: »ja, ein wunderschöner Tag«, sondern er
sagte gleich: »Sie, ich habe eine Erfindung gemacht.
Er konnte an nichts anderes mehr denken, denn seine Erfindung war eine große,
sehr wichtige und eigenartige Erfindung. Wenn er nicht ganz sicher gewesen
wäre, dass seine Pläne stimmten, dann hätte er selbst nicht daran glauben können.
Er hatte einen Apparat erfunden, in dem man sehen konnte, was weit weg
geschieht.
Und er sprang auf in der Straßenbahn, breitete seine Pläne zwischen den Beinen
der Leute auf den Boden aus und rief: »Hier schaut mal, ich habe einen Apparat
erfunden, in dem man sehen kann, was weit weg geschieht.« Die Leute taten so,
als wäre nichts geschehen, sie stiegen ein und aus, und der Erfinder rief: »Schaut
doch, ich habe etwas erfunden. Sie können damit sehen, was weit weg geschieht.«
»Der hat das Fernsehen erfunden«, rief jemand, und alle lachten. »Warum lachen
Sie?« fragte der Mann, aber niemand antwortete, und er stieg aus, ging durch die
Straßen, blieb bei Rot stehen und ging bei Grün weiter, setzte sich in ein
Restaurant und bestellte einen Kaffee, und als sein Nachbar zu ihm sagte:
»Schönes Wetter heute«, da sagte der Erfinder: »Helfen Sie mir doch, ich habe
das Fernsehen erfunden, und niemand will es glauben – alle lachen mich aus.«
Und sein Nachbar sagte nichts mehr. Er schaute den Erfinder lange an, und der
Erfinder fragte: »Warum lachen die Leute?« »Sie lachen«, sagte der Mann, »weil
es das Fernsehen schon lange gibt und weil man das nicht mehr erfinden muss«,
und er zeigte in die Ecke des Restaurants, wo ein Fernsehapparat stand, und
fragte: »Soll ich ihn einstellen?«
Aber der Erfinder sagte: »Nein, ich möchte das nicht sehen. « Er stand auf und
ging.
Seine Pläne ließ er liegen.
Er ging durch die Stadt, achtete nicht mehr auf Grün und Rot, und die Autofahrer
schimpften und tippten mit dem Finger an die Stirn.
Seither kam der Erfinder nie mehr in die Stadt.
Er ging nach Hause und erfand jetzt nur noch für sich selbst.
Er nahm einen Bogen Papier, schrieb darauf »Das Automobil«, rechnete und
zeichnete wochenlang und monatelang und erfand das Auto noch einmal, dann
erfand er die Rolltreppe, er erfand das Telefon, und er erfand den Kühlschrank.
Alles, was er in der Stadt gesehen hatte, erfand er noch einmal. Und jedes Mal,
wenn er eine Erfindung gemacht hatte, zerriss er die Zeichnungen, warf sie weg
und sagte: »Das gibt es schon.«
Doch er blieb sein Leben lang ein richtiger Erfinder, denn auch Sachen, die es
gibt, zu erfinden, ist schwer, und nur Erfinder können es.